26.10.2018 – Die Universität Zürich investiert in den digitalen Wandel: Mit 18 neuen Professuren im Bereich Digitalisierung positioniert sie sich international als ein Zentrum für die Erforschung des digitalen Wandels. Die UZH wird gezielt Mittel über Fundraising suchen, um die Initiative weiter auszubauen.

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Die Digitalisierung verändert unser Leben. (Bild: iStock)

Die Universität Zürich schafft im Rahmen der UZH Digital Society Initiative (DSI) acht neue Lehrstühle und zehn Assistenzprofessuren, die sich mit verschiedenen Aspekten der Digitalisierung befassen. «Es ist ein einmaliger Schritt, dass wir so schnell so massiv einen Themenbereich ausbauen», betont Rektor Michael Hengartner. Aber er sei notwendig: «Die Digitalisierung rast so schnell auf uns zu, dass wir nicht warten können, bis entsprechende Professuren frei werden.» Mit den 18 Professuren werde eine kritische Masse geschaffen, die es erlaube, insbesondere die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den Fakultäten zu stärken und neue Lehrangebote anzubieten.

Die UZH setzt damit auch international ein Zeichen: «Es gibt wenige vergleichbare Initiativen, welche die ganze Universität einbeziehen», erklärt Hengartner. Mit den 18 Professuren dürfte die UZH eines der grössten Zentren in diesem Bereich werden. Doch dass die Herausforderungen durch den digitalen Wandel gross sind und entsprechende Investitionen verlangen, haben auch andere Universitäten erkannt. Das Massachusetts Institute of Technology MIT zum Beispiel hat vergangene Woche angekündigt, ein «College of Computing» mit 50 neuen Professuren zu schaffen und dafür eine Milliarde Dollar zu investieren. Damit sollen laut MIT Informatik und künstliche Intelligenz in alle Studienbereiche eingebracht werden. Auch China will die Forschung zu Artificial Intelligence massiv ausbauen.

Digitale Doppelbürger
Die Professuren sind zum Teil bereits ausgeschrieben und sollen in den kommenden ein bis zwei Jahren besetzt werden. Sie sind in den Fakultäten angesiedelt, denn es sei wichtig, dass die Berufenen weiterhin einen Fuss in ihrem angestammten Fachbereich haben, erklärt Hengartner. «Aber sie müssen eine Art Doppelbürger werden und sowohl ihr angestammtes Fachwissen, als auch das digitale Wissen mitbringen.» Die DSI wird den Rahmen bieten, in welchem sie sich über die digitalen Fragestellungen austauschen können.

Die neuen Professuren ermöglichen es, Lehrangebote im Bereich der Digitalisierung aufzubauen. Denkbar sind etwa Nebenfächer in Digital Sciences und Machine Learning. Denn immer mehr Disziplinen haben heute das Bedürfnis grosse Datensätze auszuwerten. «Dieses Wissen ist im bisherigen Curriculum nicht drin», erklärt Hengartner. Mit der Schaffung von Nebenfächern, einem spezialisierten Master und einem Doktoratsprogramm kann die UZH relativ rasch und einfach die notwendigen Angebote erstellen, ohne aufwändig neue Studiengänge zu planen. «So können wir schon mit limitierten Mitteln einen riesigen Hebeleffekt erreichen», erklärt Hengartner.

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«Die Digitalisierung rast so schnell auf uns zu, dass wir nicht warten können, bis entsprechende Professuren frei werden», UZH-Rektor Michael Hengartner. (Bild: Jos Schmid)

Grundlage für gesellschaftliche Weiterentwicklung
Der Bedarf besteht: Die Gesellschaft brauche die Absolventinnen und Absolventen, welche die notwendigen Fähigkeiten haben, mit den Herausforderungen des digitalen Wandels umzugehen, sagt Hengartner. Andererseits erwarte die Politik von der Universität auch Forschungsresultate, die erlauben, Grundsatzdiskussionen zu führen, etwa darüber, wie sich die digitalisierte Gesellschaft weiterentwickeln soll. Das gelte für sehr viele Bereiche, sei es für die Demokratie, Gesundheit, Wirtschaft, Bildung oder Mobilität. «Gerade hier kann eine Volluniversität wie die UZH einen Hauptbeitrag leisten», erklärt Hengartner. Denn die vielschichtigen Herausforderungen durch den digitalen Wandel dürfen nicht allein aus dem Blickwinkel der Technologie betrachtet werden.

Die neuen Professuren sind gezielt so konzipiert, dass sie eine Brückenfunktion zwischen Fach- und digitalem Wissen einnehmen können. Technologie könne man nicht vom gesellschaftlichen Umfeld trennen, sagt Informatikprofessor Abraham Bernstein, einer der vier Direktoren der DSI. «Wir gestalten durch den Gebrauch von Technologien mit, wie sich diese Technologien weiterentwickeln.» Die gesellschaftliche und die technologische Entwicklung müsse immer als ein Wechselspiel angeschaut werden. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit stehe deshalb im Zentrum der DSI.

Gesundheit und Demokratie als Beispiele
Eine wichtige Frage ist beispielsweise das Wechselspiel zwischen der Digitalisierung und der Gesundheitsförderung. «Hier geht es zum einen darum, wie neue Gesundheitsdienstleistungen erbracht werden können», erklärt Bernstein. Zusätzlich stellt sich aber auch die Frage, wie man mit Gesundheitsdaten umgehen soll. Forschung zum Einsatz von digitalen Mitteln zur Gesundheitsförderung wird beispielsweise bereits im Rahmen des Universitären Forschungsschwerpunktes Gesundes Altern unter anderem von der Gerontopsychologie betrieben. Neben technologischen Fragen müssen Fragen des Datenschutzes beachtet werden, mit denen sich Juristinnen und Juristen befassen. «Hier wird es einen Hub geben, an dem sich die verschiedenen Disziplinen treffen», so Bernstein. Wichtig seien dabei auch Überlegungen, wie die gewonnen Erkenntnisse und Ideen tatsächlich umgesetzt werden können.

Ein weiteres Augenmerk gilt der Entwicklung der Demokratie in einer digitalisierten Gesellschaft. Wie kann die Demokratie in der Schweiz mit digitalen Mitteln unterstützt und weiter gestärkt werden? E-Voting sei zwar in aller Munde, meint Bernstein, aber dies betreffe nur einen kleinen Bereich des politischen Prozesses. Die neue Professur in Human and Crowd Computing beschäftigt sich mit der Fragestellung, wie grosse Gruppen von Computern und grosse Mengen von Menschen möglichst gut zusammen arbeiten können, um aussergewöhnliche Resultate zu erreichen. Dies kann zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der Politologie auf die Frage von politischen und demokratischen Entscheidungen angewendet werden.

Bestehende Vernetzung stärken
Die neuen Professuren haben den konkreten Auftrag, im Rahmen der DSI zusammenzuarbeiten, erklärt Hengartner. Damit stärken und beschleunigen sie die bereits bestehende Vernetzung von gegen 300 Forschenden in der DSI. Das Paket der 18 Professuren sei gross genug, um die DSI auf eine neue Ebene zu heben, erklärt Hengartner. Die Finanzierung erfolgt in einem ersten Schritt aus eigenen Mitteln und durch das Einwerben von Drittmitteln. Das MIT hat für seine Initiative eine Schenkung von 300 Millionen Dollar erhalten. Die UZH will auch gezielt Mittel über Fundraising suchen, um die Initiative weiter auszubauen. «Wir möchten gerne viel mehr machen», erklärt Hengartner.

Quelle: UZH News 

NZZ-Artikel vom 24.10.2018



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